Was ist mit dem Rotterdam Artikel?

Michael Pilz

Ein Brief aus Wien von Michael Pilz
blimp, Graz, Heft Nr. 9, Frühjahr 1988

fragst du mich schon zum zweiten-, vielleicht schon zum dritten Mal. Ich dachte, am 15. wäre Redaktionsschluss gewesen und drei Tage zuvor habe ich Dir geschrieben, dass ich keine Zeit mehr dafür habe.

Gestern standen wir vor einem offenen Grab, im ersten Schnee dieses Winters, der Wind blies die Flocken ins Gesicht, und über den Köpfen der Trauernden spannten sich die schwarzen Schirme. Zuvor erlaubte sich der Pfarrer zu sagen, dieses Leben sei nur ein vorübergehendes, danach würden wir uns alle vereint wieder finden. Danach spielte das Harmonium „Herr, Du bist meine Zuversicht“. Zuletzt schoben die schwarzen Kittel den Schnee und die schwere Erde mit Gabeln in die Grube. Am Parkplatz vorne gab es Mühe mit den Sommerreifen. Abschiedsgrüsse, es war, als wäre nichts geschehen.
In seinen Filmen lebt er weiter, so der Pfarrer.

Und Rotterdam?
Vier Wochen später fällt mir wieder ein, wie ich nachts, in München, den Zug betrat und kurz daran dachte, dass man mich vielleicht ohrfeigen werde, wegen meines österreichischen Reisepasses. Doch dann war der einzige Hinweis auf unsere gegenwärtige Misere ein Leitartikel in der Tribune und die lag, ganz unauffällig, zwischen anderen Blättern. Ich besuche nicht gerne Festivals, weil sie in der Regel nicht so sehr den Filmen, die gezeigt werden, sondern vielmehr sich selber dienen. Rotterdam scheint mir da schon seit langem eine besondere Ausnahme zu sein. Keine eitlen Gesten, keine salbungsvollen Selbstbeweihräucherungen, keine offiziellen Empfänge, keine Trommeln und keine Schalmeien. Die Organisation ist unauffällig und perfekt. Mit Geld wird sorgfältig umgegangen. Huub Bals versteht sich und sein Festival als Mittler zwischen der Kunst und dem Geschäft, wobei er eher einem Engel gleicht, der die Botschaften von unten nach oben und von dort wieder nach drunten weiterreicht.
„Sein Leben galt dem Film“, steht auf dem Parte von Ernst Schmidt.

Artawasd Peleschjan.Vier kurze Filme zwischen 1966 und 1978. My. Vrenena Goda. Natschalo. Obibetali.
Ich habe diese Filme 1984 zufällig in Jeriwan, Armenien, gesehen. Damals hatte ich nichts davon gewusst und erst durch französische Fernsehleute, die über den Ankauf mehrerer Filme verhandelten, von Peleschjan erfahren. Wer diese Filme einmal gesehen hat, vergisst sie nicht. Und viele andere Filme treten zurück, werden zu Schatten, verblassen.
Peleschjan bedient sich dabei, außer in Vrenena Goda, vorhandenen Filmmaterials, das er in einer nie zuvor gesehenen Weise komponiert. Geräusche, Töne, Musik (Haydn). Keine gesprochene Sprache. Peleschjan's Filme sind ein direkter Ausdruck des Unbewussten, des kollektiven Unbewussten. Es geht darin um Natur, um Fortschritt, um Gewalt, um Unterdrückung, um Frieden, um Heimat, um Tatsachen, um Illusionen; man sieht Menschen weinen, lachen, verbrennen, arbeiten, einander umarmen, sich aufbäumen, sich gegenseitig niederrennen, man sieht Tiere auf der Flucht und hinter Gittern, man sieht Tiger in die Grube stürzen und beherzte Bauern ihre Schafe schwimmend aus winterlichen Wasserfällen retten, man sieht die Massen aufmarschieren und man sieht, wie das erste Sonnenlicht die menschenleere Berglandschaft des Kaukasus erleuchtet. Haydns „Schöpfung“ und seine „Sieben letzte Worte des Erlösers“ bilden, neben Wind und anderen, einfachen Naturgeräuschen einen imaginären „Teppich“, auf dem sich, angesichts der unfassbaren, kaum mehr begreiflichen, optischen Attacken, die tiefsten Gefühle offenbaren.
Apokalypse now.

Peleschjan ist sanftmütig, scheu, wortkarg und sieht gar nicht wie ein Filmemacher aus, eher wie ein einsilbiger, irgendwo in den Bergen beheimateter Bauer. Er stammt zwar aus Jeriwan, doch in Rotterdam hatte ich den Eindruck, er käme vom Orion; auch, er sei älter als die ganze Menschheit, würde selbst nicht altern. Er fühlt und weiß die schrecklichsten Leiden, die süßesten Freuden, doch es geht ihm um „mehr“. Seine Kunst – und das ist wahrhaftig so selten – kennt nichts Peinliches, nichts Entblößendes, nichts Pornographisches. Nichts zeigt er uns um seiner selbst willen, wegen der Sache nur, aber alles, was er uns zeigt, sind wir.
Wenn Film mit Kunst etwas zu tun hat, dann fertigte Peleschjan die erschütternsten Beweise dafür an. Sie spotten all jener filmästhetischen Bemühungen, die Kunst vielleicht im Kopf, jedoch nicht im Herzen tragen. Sie spotten all jener Produktionsbudgets, selbst jener von Cimino, die letzten Endes doch nur eitler Vorwand für den Mangel an Talent, Gefühl und Einsicht sind. Und sie spotten jener Sehnsucht, die stets das Heil im „Jenseits“ sucht und im Hier und Jetzt achtlos, sich selbst verachtend, vorüber geht.

Peleschjan's Filme sind 35, Schwarzweiß, mit Lichtton, verschrammt, zerkratzt, wer weiß, wie oft kopiert.
Peleschjan's Augen sind ständig in Bewegung, mit einem kleinen Unterschied! Sie suchen nichts. Sie finden. Und sie hängen nicht am Gegenständlichen, sie klammert sich an nichts, sie lassen die Welt vorüberziehen.
Das Kino, das seine Filme zeigt, heißt „Lumiére“.

Ein Filterkaffee kostet 2 Gulden.
Das Wetter war recht angenehm, ohne den eigentlich üblichen Nieselregen.

Und sonst? Filme von Muratova (UdSSR), Paradjanov (Georgien), Esadze (Georgien), Godard (France), Schrader (BRD), Su Friedrich (USA) Jan Dop (Niederlande), Miklos Acs (Ungarn), Raymond Depardon (France) Souleymane Cissé (Mali), …
Die so ersten und traurigen Augen von Juliette Binoche und Denise Lavant in „Mauvais sang“ (L&eaute;os Carax).
Das unrasierte, übernächtige Gesicht Godard's im Video–Talk mit Marguerite Duras (die sich die längste Zeit seine wortreichen Verteidigungen „gibt“, um ihn zuletzt, wie einen kleinen, schlimmen, doch lieben Jungen zurechtzuweisen: Ausreden helfen nichts).

Und sonst? Die Talk–Shows mit den „Meistern“ (voran die Georgier, die in Anzug und Krawatte erschienen waren und sich beispielhaft entäußerten, wie in ihren Filmen zuvor, sodass der Applaus des Publikums nicht enden wollte).
Ein „Film–Parlament“ im Rotterdamer Zoo, zwischen Vogelkäfigen und Gittern, hinter welchen sich seltsame Känguruhs schläfrig zu verbergen suchten. Es ging – wieder einmal – um Lösungsvorschläge. Filme finanzieren, Filme distribuieren, Filme koproduzieren, Filme im Kino, auf Festivals, im Gully.
Doch auch darin unterscheidet sich Rotterdam von anderen Film–Festivitäten. Vor Jahren hatte man schon einen „Cinemarkt“ eingerichtet, vor allem um Restfinanzierungen zu vermitteln, oder um bestimmte Projekte vorzustellen. Dieses Mal versprachen Anne Head und Huub Bals unisono die baldige Einrichtung eines Fonds. Huub im Klartext: Wir wollen nicht zuschauen, bis wir im Dreck versinken, wir nehmen die Dinge selber in die Hand.

Was die „ewigen“ Probleme zwischen der ersten und dert dritten Film–Welt anging, so sprach es niemand deutlicher aus, als Ahmend Beddaoui vom Algerischen Filmzentrum: „We have to make the revolution in ourself, inside! Festivals cannot resolve the problems. The problems nowadays are the problems of the producers. Unfortunately they are loosers today.“ Und er erinnerte uns daran, dass wir ihnen (z.B. Cissé aus Mali) helfen müssen, dass wir ihr Interesse teilen müssen, weil es sicher so sei, dass wir ihre Filme, ihre Geschichten, auch ihre Mythen, ihre Zuversicht und ihren Mut brauchen, um der eigenen filmwirtschaftlichen und filmkünstlerischen Depression zu entkommen.

Und sonst?
österreichs Auftreten im Rahmen des „Europäischen Film- und Fernsehjahres“ ist schlicht und einfach blamabel, einfallslos. Noch schlimmer wird es, wenn man sich vor Augen hält, dass die zweisprachige Broschüre „Low Budget Report '87“ über die Ergebnisse des 2. Europäischen Low Budget Film Forums in Hamburg (Juni 1987) im Vorwort berichtet:
„Die Diskussion um das europäische Kino hat begonnen. Auf den Festivals in Rimini, Barcelona, München und Edinburgh und auch in anderen europäischen Städten werden nicht mehr nur Filme gezeigt, sondern es wird auch diskutiert.“
Neben diesen nationalen Diskussionen gibt es auch europäische Initiativen: 1988 findet das Europäische Film- und Fernsehjahr statt. Seit vergangenem Jahr unterstützt die Europäische Gemeinschaft im Rahmen ihres M.E.D.I.A.–Programms verschiedenste Projekte zur Förderung des europäischen Films. Eine Initiative ist die Entwicklung eines so genannten Pilotprojektes zum Vertrieb europäischer Low Budget Filme, das federführend vom Hamburger Filmbüro und dem Low Budget Forum betreut wird. Dabei wurde ein neuer Weg beschritten: Alle am Herstellungs-. und Verbreitungsprozess solcher Filme Beteiligten wurden und werden bei diesem Projekt miteinbezogen. In Zusammenarbeit mit Produzenten, Verleihern und Filmemachern sowie Vertretern von Filminstitutionen und Filmförderungen soll bis 1988 ein System zur Förderung des Verleihs und Vertriebs europäischer Filme erarbeitet werden. Treffen in verschiedenen europäischen Stätten, Expertenrunden und öffentliche Workshops dienen dem Erfahrungsaustausch und der professionellen Diskussion. –
„Vielleicht gelingt es uns, die Grenzen nationaler Filmpolitik zu überwinden und verstärkt europäische Filme zu produzieren und zu vertreiben. Filme, die die europäische Filmkultur repräsentieren, weil sie ihre nationale und regionale Identität bewahren.“ (Dieter Kosslick).

In der Folge zitiert der Report ausführliche „Berichte aus den Ländern: Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Bundesrepublik Deutschland, Belgien, Italien, Spanien, Griechenland, Portugal, Irland.“

In der Einführung des Reports heißt es noch einmal: „So konnten am 2. Europäischen Low Budget Film Forum Filmexperten aus ganz Europa, insbesonders aus allen Mitgliedsländern der Europäischen Gemeinschaft, teilnehmen: Dies war ein erster Schrittt, alle europäischen Länder einzubeziehen.“

In Rotterdam gab's am 3. Februar eine Pressekonferenz, auf Einladung des Holländischen Filmfonds, des Low Budget Film Forums, des Hamburger Filmbüros und der European Organisation for Audiovisual Independent Market.
Das Land der Berge und der Dome glänzte allerorten durch Abwesenheit.

„Ich glaube, dass die Erde um die Sonne kreist.
Das Bild der Erde vom Mond aus ist ein anderes.
Wenn ich auf dem Mond stünde, würde ich frieren.
In Afrika ist es heiß.
Die Löwen sind schon müde.
Du hast ganz müde Augen.
Ein Vogel, der fliegen kann, will fliegen.“

Das hat mir ein Kind in den Bergen, vor Jahren, geschrieben.
Was war in Rotterdam los?

© Michael Pilz

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